Person und Wirken des Namensgebers Martin Bonhoeffer 1935 - 1989

Martin Bonhoeffer ist das dritte von vier Kindern des Physikers Karl Friedrich Bonhoeffer und seiner Frau Grete geb. von Dohnanyi. Der Vater verkörperte die Wissenschaft, die Mutter die Kunst. Beide entstammten ihrerseits Familien, deren Begabungen hoch und vielseitig, deren Wirken Generationen hindurch verantwortungsvoll gewesen waren. Es ist nicht ganz leicht, in solchen Familien seinen Platz zu finden.

Als der Krieg 1945 beendet wurde, war Martin Bonhoeffer 10 Jahre alt, war sein Vater der einzige Überlebende der Brüder Bonhoeffer. Die Nazis hatten Klaus und Dietrich Bonhoeffer ermordet, ebenso die Männer zweier Schwestern des Vaters.

Diese Konstellation – Herkunft und Zeitgeschichte betreffend – hat entscheidend dazu beigetragen, dass Martin Bonhoeffer seinen eigenen Weg und sein Engagement für Kinder entwickelte, die niemand haben wollte. Schon als Schüler hatte er sich um praktische Mitarbeit in einem Kinderheim bemüht. Als Schüler und junger Student der juristischen Fakultät in Göttingen packte er viele Pakete für notleidende Menschen in der DDR und beteiligte Freunde an dieser geradezu professionell angelegten Aktion. Das Jura-Studium befriedigte ihn überhaupt nicht. Er wechselte nach einem Praktikum in einem Tagesheim für benachteiligte Kinder in Liverpool zur Pädagogik. Entscheidend wurde für ihn ein halbes Jahr im Münchener „Waisenhaus“ von Andreas Mehringer 1955-1956. Er fand dort Freunde fürs Leben und entwickelte sein Bild von einer modernen Heimerziehung, die familienähnlich und gruppen-bezogen, demokratisch und individuell sein sollte.

Das Modell einer intensiven Durchdringung aller Alltags-Aufgaben mit pädagogischer und menschlicher Zuwendung, die Forderung nach Chancen für sozial benachteiligte Kinder, die enge Zusammenarbeit mit der Schule, die Sorge um Fort- und Weiterbildung für ErzieherInnen – das alles beschäftigte ihn seither. Neben dem Studium bei Heinrich Roth arbeitete Martin Bonhoeffer praktisch und „lokalpolitisch“ im „Haus auf der Hufe“, das als ein Vorläufer heutiger Tagesgruppen oder der sozialen Gruppenarbeit anzusehen ist. Seine geplante Dissertation über die Lage der westdeutschen Heimerziehung sollte auf umfangreichen empirischen Erhebungen basieren und wurde nicht vollendet. Im Grunde war Martin Bonhoeffer längst zu einem beruflich tätigen Sozialpädagogen geworden, bekannt durch seine ersten Veröffentlichungen, sein mutiges Eintreten für Jugendliche, seine Reform-Ideen.

Seit 1969 arbeitete Martin Bonhoeffer aktiv in der IGfH mit – der Internationalen Gesellschaft für Heimerziehung, die jetzt Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen heißt – in der er zahlreiche Tagungen, fachpolitische Stellungnahmen und praktische Anliegen von Mitgliedern zu vertreten hatte. Jahrelang war er im Vorstand tätig. Die IGfH war auch die Herausgeberin des „Zwischenberichts der Kommission Heimerziehung“, einem Standardwerk für Bestandsaufnahme, Kritik und Entwicklungs-Notwendigkeiten, das 1977 erschien und dessen Verfasser Martin Bonhoeffer war. Er war 1969 zum Senat von Berlin gegangen mit dem Auftrag, die Berliner Heimerziehung zu reformieren. Verbissen und mit wechselndem Erfolg versuchte er, die Forderungen der 1968-er Revolte praktisch und politisch durchzusetzen und ganz direkt Berliner Kindern zugute kommen zu lassen.

Dass Martin Bonhoeffer 1976 von Berlin nach Tübingen wechselte und die damals kleine verschuldete Einrichtung als Leiter übernahm, hatte mehrere miteinander eng zusammenhängende Gründe. In Berlin hatte er viel mehr getan als er konnte. Die Praxis hatte sein Vorpreschen angenommen, war aber nur teilweise und zögerlich gefolgt. Er wollte endlich in einer überschaubaren Einrichtung gestalten, was er für unbedingt notwendig hielt. So begann seine Tübinger Zeit, in der er nur 6 aktive Jahre lang aus dem Verein das zu machen versuchte, was inzwischen Andere übernommen haben.

Im Dezember 1982 erlitt Martin Bonhoeffer einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht wieder erholen konnte. In einem Wach-Koma lebte er bis zum 5. April 1989 in Tübinger Kliniken.